Die Hebräische Bibel thematisiert in ihren Texten mitunter Leid und Gewalt. Dies bildete den Ausgangspunkt eines internationalen Seminars an der Universität Graz zu „Traumastudien in der Hebräischen Bibel“, das Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftler und Studierende zu einem intensiven Austausch über die Bedeutung von Trauma-Theorien für die Auslegung biblischer Texte zusammenführte. Im Mittelpunkt standen ausgewählte Texte aus dem Buch Jesaja (Jes 5; 12; 60–62), in denen Erfahrungen von Leid, Verlust, Entwurzelung und Hoffnung aus der Perspektive der prophetischen Tradition untersucht wurden. Die Darstellung der aus heutiger Sicht potenziell traumatischen Ereignisse bezeugt eine von Menschen erlebte Not, bietet Trost und verweist auf Bewältigungsstrategien. Die Texte thematisieren Resilienz und posttraumatisches Wachstum und können Leserinnen und Leser dazu anregen, eigene Erfahrungen und Entwicklungsprozesse zu reflektieren. Die sprachliche Gestaltung der dargestellten Erfahrungen kann aus Trauma-theoretischer Perspektive als Ausdruck narrativer Bewältigung gelesen werden.
Das Seminar wurde durch die Beiträge von drei renommierten Professorinnen und Professoren geprägt: Prof. Dr. Elizabeth Esterhuizen und Prof. Dr. Alphonso Groenewald von der Universität Pretoria (Südafrika) sowie Prof. Dr. Maria Elizabeth Aigner von der Universität Graz. In ihren Vorträgen stellten sie zentrale Ansätze der modernen Traumaforschung vor und zeigten auf, wie diese für ein vertieftes Verständnis biblischer Texte und in weiterer Folge für den modernen Menschen fruchtbar gemacht werden können. Die von den Professorinnen und Professoren geleiteten Workshops ermöglichten den Teilnehmenden eine intensive Auseinandersetzung mit den Jesaja-Texten und eröffneten neue Perspektiven auf die Verbindung von literarischer Gestaltung, geschichtlicher Erfahrung und theologischer Reflexion. Die persönliche Begegnung mit den Texten konnte bei einigen Teilnehmenden emotionale Resonanzen hervorrufen und somit die Dimension der im Text gelesenen Themen erfahrbar machen. Ein wesentlicher Aspekt der Traumaforschung hat sich dadurch gezeigt: Eine bewusste Auseinandersetzung mit geschilderten Erfahrungen von Leid und deren Bewältigung kann dazu beitragen, individuelle Ressourcen wahrzunehmen und Perspektiven für Resilienz und posttraumatisches Wachstum zu eröffnen.
Das Seminar machte deutlich, dass biblische Texte nicht nur Erinnerungen an traumatische Erfahrungen bewahren, sondern auch Wege der Verarbeitung, Heilung, Wiederherstellung und Hoffnung eröffnen. Die Begegnung von Bibelwissenschaft und Traumaforschung erwies sich als ein anregender und zukunftsweisender interdisziplinärer Zugang.
Die Veranstaltung wurde von Prof. Dr. Katharina Pyschny koordiniert und wesentlich durch ihre fachliche Begleitung und Organisation geprägt. Ein besonderer Dank gilt allen Referierenden für ihre wertvollen wissenschaftlichen Impulse, den intensiven Austausch und die engagierte Begleitung der Workshops. Ebenso danken wir Prof. Dr. Maria-Elisabeth Aigner und Prof. Dr. Katharina Pyschny für die sorgfältige Vorbereitung und Koordination des Seminars sowie allen Teilnehmenden für ihr Interesse und ihre aktive Mitwirkung. Das Seminar war eine bereichernde Erfahrung und ein wichtiger Beitrag zur Förderung des internationalen wissenschaftlichen Dialogs.
Freitag, 31.07.2026